Kategorie-Archiv: Allgemeines

Daniil Charms: “Seltsame Geschichten”

Berlin Verlag, 2009. 128 Seiten.

Daniil wer? Daniil Iwanowitsch Juwatschow wurde 1905 in Sankt Petersburg geboren und starb dort 1942, allerdings hieß die Stadt dann Leningrad. Eben so wie die Stadt mehrere Namen trug, veröffentlichte Juwatschow unter verschiedenen Künstlernamen; der bekannteste (sofern man bei ihm überhaupt von einem Bekanntheitsgrad sprechen kann) ist Daniil Charms. Er schrieb Gedichte, Kurzgeschichten und Szenen, von allen findet man etwas in diesem Sammelband. Weiterlesen

Gregor Tessnow: “Knallhart”

Ueberreuter Verlag, 2006. 155 Seiten.

Seit Klaus, der Geliebte seiner Mutter, die beiden rausgeschmissen hat, fühlt sich Michael Polischka wie im falschen Film. Statt Villa im Berliner Nobelviertel Zehlendorf heißt es jetzt Bruchbude in Neukölln. Und auf der neuen Schule stellen ihn Erroll und seine Rotjacken gleich vor die Wahl: Zahlen oder Terror. Da scheint ein Einbruch in Klaus’ Villa ein Ausweg zu sein. Richtig gut wird das Ganze aber erst wieder, als Michael den Dealer Hamal kennen lernt. Den Drogenkurier spielen für Hamals Schutz? Kein Problem. Oder?

Das ganze Buch ist eine Fallstudie eines sozialen Falls (klar, Fallstudie…). Hier handeln weniger Charaktere als Stereotypen, jeder hat seinen festen Platz und bewegt sich davon nicht weg. Die Geschichte selbst bleibt kurz und novellenhaft, mit einem dramatischen aber hoffnungsvollen Ende, denn Michael steigt aus. Die Frage bleibt aber, ob der Charakter hier nicht zu sehr überzeichnet wird, denn ein Jugendlicher, der am Ende froh ist, endlich bei der Polizei zu landen und dort seine Sicherheit zu finden erscheint mir doch sehr konstruiert.

Nicolas Mahler: “Kunsttheorie vs. Frau Goldgruber” und “Die Zumutungen der Moderne”

Reprodukt Verlag, 2006.

Ganz in der Tradition (post)moderner Metacomics gibt Nicolas Mahler in „Kunsttheorie vs. Frau Goldgruber“ und „Die Zumutungen der Moderne“ einen Einblick in die Literaturmaschinerie und das Kunstschaffen.

Mit seinen tuschegewordenen Minimalcharakteren gelingt ihm ein Blick auf das Wesentliche: Die Wunde des Gegenstandes, den er betrachtet. So braucht Mahler auch nicht viel Platz um seine Geschichten zu erzählen, er folgt meistens dem Muster “Gegenstand skizzieren, Wunde zeigen, drin rumbohren, fertig.”Mahler bringt die Striche einfach auf den Punkt.

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Beziehungsweise: Burn after reading

Ganz hübsch zeigt einem der Film Burn after reading von den Coen-Brüdern, dass es eben doch keine isolierten Handlungen gibt. Mal kurz zusammengefasst, sieht das dann im Film so aus:

Ozzie arbeitet bei der CIA. Man wirft ihm Alkoholprobleme vor und kündigt ihm. Ozzie beschließt, seine Memoiren zu schreiben. Katie will sich von Ozzie scheiden lassen und wirft ihn aus dem Haus. Sie kopiert Daten von seinem Rechner, um in belasten zu können und gibt diese der Sekretärin ihres Rechtsanwalts. Die Sekretärin verliert die Daten in der Umkleidekabine eines Fitnesstudios. Linda braucht Geld für eine Schönheitsoperation. Sie findet eine CD mit scheinbar geheimen Dokumenten und verbündet sich mit Chad um aus dem Fund Kapital zu schlagen. Ozzie lässt sich aber nicht von Chad und Linda erpressen sondern nutzt alte Kontakte zur CIA um die beiden zu überwachen. Daraufhin bietet Linda die Daten der russischen Regierung an. Ozzie erfährt davon durch einen amerikanischen Spion in der russischen Botschaft. Linda bittet Chad, in Ozzies Haus neues Material zu stehlen. Harry betrügt Sandy mit Katie. Später lernt er Linda kennen und fängt auch mit ihr eine Affäre an. Als Harry alleine in Katies Haus ist bemerkt er, dass Chad eingebrochen ist, erschießt ihn und lässt die Leiche verschwinden. Als er das Haus verlässt stellt er fest, dass er beobachtet wird. Sandy will sich von Harry scheiden lassen und engagiert eine Kanzlei, belastendes Material zu sammeln. Ein Mitarbeiter der Kanzlei wird von Harry vor Katies Haus gestellt. Harry fühlt sich immer mehr verfolgt. Linda bittet ihren Chef Ted, ihr bei der Suche nach Chad zu helfen. Ted bricht in Ozzies Haus ein und wird von Ozzie erschossen. Daraufhin wird Ozzie von einem CIA-Agenten erschossen.

Also nochmal: Chad, Ted und Ozzie sind (mehr oder weniger Tod), Harry ist geflohen, Sandy und Katie sind wieder solo.

Bei dem Versuch, den Anfang der Handlung zu bestimmen, gerate ich schwer ins Schleudern: War es die Kündigung Ozzies, der Diebstahl der Daten, der abgelehnte Zuschuss zu den Operationen oder das schlechte Gewissen Harrys? Alles hängt zusammen und jede Handlung hat eine andere Handlung zur Folge.

Piaget unterscheidet zwischen isolierten und koordinierten oder sozialen Handlungen, die immer auch eine Interaktion mit dem Anderen bedeuten. Das auch scheinbar isolierte Handlungen zu Interaktionen führen können, zeigt Burn after reading ganz eindrucksvoll. So hängt alles doch irgendwie zusammen und bezieht sich aufeinander. Da erscheint mir Davidsons Erklärung schon ein wenig einleuchtender: Grund und Ursache sind nicht immer das Gleiche, da man die Intention einer Handlung als außenstehender nicht immer bestimmen kann. Über drei Ecken (auf die ich, wenn alles gut läuft noch zu sprechen komme) landen wir dann bei seinem zentralen Argument, dass sich psychische (Grund, Ursache) und physische (Handlung) Ereignisse wechselseitig bedingen. Womit wir wieder beim Anfang wären: Es gibt keine isolierten Handlungen!