Daniil Charms: “Seltsame Geschichten”

Berlin Verlag, 2009. 128 Seiten.

Daniil wer? Daniil Iwanowitsch Juwatschow wurde 1905 in Sankt Petersburg geboren und starb dort 1942, allerdings hieß die Stadt dann Leningrad. Eben so wie die Stadt mehrere Namen trug, veröffentlichte Juwatschow unter verschiedenen Künstlernamen; der bekannteste (sofern man bei ihm überhaupt von einem Bekanntheitsgrad sprechen kann) ist Daniil Charms. Er schrieb Gedichte, Kurzgeschichten und Szenen, von allen findet man etwas in diesem Sammelband. Ich würde ihn irgendwo zwischen Dadaismus, Absurdem und dem Nonsens einordnen. Das rückt ihn in die Nähe der Neuen Frankfurter Schule (oder zeitlich natürlich korrekter diese zu jenem): Beide verbindet z.B. das parallele Schaffen von Kinder- und Erwachsenenliteratur, das fehlen logischer Zusammenhänge oder das Wiederholen von Fragmenten, das eine kindliche Unbeholfenheit vermittelt, nur um dann im nächsten Moment komisch gebrochen zu werden, wie z.B. in dem Gedicht “Herr Johann Friedrich Samowar”:

Johann Friedrich Samowar,
so hieß ein dicker Samowar,
ein Zehnlitersamowar.
Wasser hat darin gekocht,
Wasser hat vor Wut gekocht,
Dampf gefaucht und heiß gekocht,
bis es in die Tasse rann,
durch den Hahn nach außen rann,
schnurstracks in die Tasse rann.
[...]
Und als letzter kommt der Fritz,
ungewaschen kommt der Fritz,
ganz am Ende kommt der Fritz.
“Macht schon, her damit” er sagt
“mit der Tasse Tee!” er sagt
“Nur für mich allein!” er sagt.

Charms veröffentlichte in Petersburger Zeitungen, hatte einigen Erfolg  mit Kindergedichten und Geschichten und versuchte parallel sein Glück bei den “richtigen Erwachsenenverlagen”, die ihn nicht drucken wollten. Sein Erfolg bei Kindern war sicher auch dadurch begründet, dass er neben dem lustigen Vortrag noch allerlei Zauberkunststückchen vorführte und keine Scheu hatte, sich selbst zum Kauz zu machen.

Charms beschreibt sich selbst:

Es ist schwer, jemandem etwas über Charms zu sagen, der nichts von ihm weiss. Charms ist ein großer Dichter. Napoleon ist nicht so groß wie Charms, und Bismarck ist im Vergleich zu Charms ein Nichts. Und die Lenins, Stalins und Trockijs sind im Vergleich zu Charms einfach Seifenblasen. Überhaupt sind alle Menschen Seifenblasen im Vergleich zu Charms.

Bei so viel literarischem Selbstbewusstsein blieb es nicht aus, das Charms im stalinistischen Russland verfolgt wurde: Mehrfach wurde er verhaftet und wegen Beteiligung an einer antisowjetischen Vereinigung mehrere Jahre verbannt. Aus heutiger Sicht ist es fast unbegreiflich, welche Sprengkraft komische Literatur einmal besaß. Charms hat das wohl selbst früh erkannt, denn er schreibt:

Gedichte schreiben muß man so, daß, wenn man das Gedicht gegen das Fenster wirft, das Glas zu Bruch geht.

Charms baut keine großen Szenen, in der seine Welt ausgestattet wird. Der Alltag ist destilliert und die ganze Geschichte zielt auf die Pointe. Dabei werden die Geschichten durch die Illustrationen von Vitali Konstantinov getragen, gedeutet unterstützt und karikiert. Figuren vom Anfang tauchen in der Mitte des Buches auf, verschwinden im Hintergrund um dann zum Finale wieder zu erscheinen. Herrlich!

Der Sammelband “Seltsame Geschichten” ist ein Buch, an dem Kinder und Erwachsene ihre Freude haben können. Man muss nur wollen…

 

 

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