Morris Gleitzman: “Einmal”

Carl Hanser Verlag, 2009. 192 Seiten.

In „Einmal“ entdeckt ein kleiner Junge nach und nach die Verbrechen der Nationalsozialisten. Dabei ist das Buch aus Sicht dieses Jungen geschrieben und versucht, dessen Sprache abzubilden, der immer weniger über eine Sprache verfügt, die Sinnlosigkeit der Taten zu beschreiben.

Felix ist neun Jahre alt und lebt seit über drei Jahren in einem abgelegenen katholischen Waisenhaus in Polen. Felix glaubt fest daran, dass seine Eltern ihn aus dem Waisenhaus abholen werden. Felix ist Jude und die Geschichte spielt im Jahr 1942. Als Felix beobachtet, wie uniformierte Männer im Hof des Waisenhauses Bücher verbrennen, will er seine Eltern warnen und flieht, um sie zu suchen.

Auf seinem Weg in die Stadt sieht er merkwürdiges: Menschen ohne Kleidung, die auf einem Lastwagen zur „Wochenenderholung“ gefahren werden, wie er vermutet. Feldarbeiter, die alle zusammen an einem riesigen Loch graben oder verkohlte Häuserreste – wohl ein Unfall beim Bücherverbrennen, denkt Felix. Als Felix dann unterwegs die kleine Zelda rettet, fängt er langsam an zu verstehen, was die uniformierten Menschen wirklich tun, was ihr Plan ist und was das für ihn und Zelda bedeutet.

Dabei ist Felix eigentlich derjenige, der Realität umwandelt und nicht entdeckt, denn er ist der Geschichtenerzähler im Waisenhaus, unterwegs für Zelda, bei Barnek im Versteck oder beim Nazi-Offizier mit Zahnschmerzen: Jedesmal nimmt sich Felix ein kleines Stück Realität und verwebt es zu einer neuen (und schöneren) Geschichte. Doch das Erzählen fällt ihm immer schwerer, am Ende gelingt es ihm kaum noch.

Gleitzman erzählt schonungslos von den Verbrechen und von der Verzweiflung der Opfer. Dann, wenn er grauenvolles schildert und Felix ein totes Baby entdeckt, wird auch der tragische Held der Geschichte sprachlos: „Oh“ ist zunächst alles, was Felix zu sagen hat.

Ich habe mit der Ahnungslosigkeit Felix’ Probleme. Ich kann es Gleitzman nicht völlig abkaufen, das Felix nichts weiß und lese daher manches als Naivität. Vielleicht liegt es daran, das hier das Kind spricht und nicht wie in z.B. Benignis „Das Leben ist schön“ der Vater, vielleicht liegt es auch an mir; mit Jugendlichen, die das Buch gelesen haben, habe ich nocht nicht sprechen können. Aber das ist auch der einzige Kritikpunkt. Gleitzman schafft es, die schwierigen Themen Judenverfolgung und Krieg kindgerecht aufzuarbeiten und in ein in sich stimmiges Werk zu gießen. Ein gutes Buch!

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