Mirjam Pressler: “Nathan und seine Kinder”

Beltz Verlag, 2009. 257 Seiten.

Die 1940 geborene Mirjam Pressler übersetzt Bücher und sie schreibt auch welche. Sie hat in einem Kibbuz in Israel gelebt und spricht Hebräisch und Jiddisch. Nun kommt sie mit einer Variation zum klassisch-humanistischen Drama “Nathan der Weise” daher und überträgt dieses in eine moderne Romanform. Dabei behandelt sie den Stoff voller Respekt vor den Klasikern, ebenso wie voller Respekt vor den jugendlichen Lesern.

Der jüdische Händler Nathan lebt in Jerusalem zur Zeit der Kreuzzüge. Das Land ist nicht nur von den blutigen Feldzügen zerrüttet sondern auch durch religiöse Eifereien entzweit. Christen verachten die Juden ebenso wie die Muslime; eigentlich kann kaum einer mit dem anderen. In dem sicher nicht einfachen Leben dort wirkt Nathans Haus wie eine Oase: Nathan zeigt sich frei von Vorurteilen gegenüber dem Christentum und dem Islam. So ist ein Freund von ihm Muslim (???) und Daja, die Gesellschafterin seiner Tochter Recha ist Christin, seine Freigiebigkeit macht vor den Religionen nicht halt. Und so wird auch im Umfeld Nathans Gutes mit Gutem vergolten, wenn z.B. der Sultan Saladin den jungen Templer Curd von Stauffen begnadigt und dieser darauf Nathans Tochter aus einem Häuserbrand rettet.

Der Herrscher von Jerusalem, Sultan Saladin ist bankrott und möchte Nathan um das nötige Geld bitten. Nathan und sein Gefolge ahnen jedoch wenig gutes, da Saladin sich oft als grausamer und schlimmer, immer jedoch als undurchschaubarer Herrscher gezeigt hat.

Saladin heckt nun tatsächlich eine List aus: Durch eine Fangfrage will er Nathan zu einer Gotteslästerung verleiten, doch Nathan antwortet geschickt – mit der Ringparabel. So trennen sich beide in Freundschaft. Wir hingegen lesen eine herrliche Prosaübertragung von Lessings aufklärerischem Glanzstück – selbst heute hat die Ringparabel nichts an ihrer ursprünglichen Kraft eingebüßt.

Hier soll noch mal jemand sagen, dass Klassiker keine Aktualität besitzen oder Literatur fernab vom Alltag steht: Religionsfanatismus, -kontroversen und -kriege sind wohl unangefochten hochaktuell.Und so schafft es Mirjam Pressler nicht nur diesen brisanten Stoff zu bearbeiten und die Versöhnlichkeit der Vorlage zu bewahren, sie schafft es auch nebenbei, einen kanonisierten Klassiker in die Moderne zu heben. Freilich setzt sie neue Schwerpunkte, kürzt hier und da, aber alles ganz leise und unaufgeregt.

Der Roman erzählt die Geschichte abwechselnd aus der Sicht der Beteiligten – einzig Nathan berichtet nicht selbst. Jeder bringt dadurch etwas persönliches in die Geschichte, z.B. die Herkunft des Tempelritter oder die Geschichte des Hausjungen Geschem. So bekommt man durch die gute Recherchearbeit von Mirjam Pressler einen realistischen Eindruck der damaligen Zeit, man erfährt vieles über die Kreuzzüge oder wird ganz praktisch in das Denken der Aufklärung eingeführt. Wohlgemerkt: Nebenbei! Im Vordergrund steht die Geschichte.

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