Jay Asher: “Tote Mädchen Lügen nicht”

cbt-Verlag, 2009. 288 Seiten.

Hannah ist tot. Hannah hat sich mit Tabletten das Leben genommen. Hannah hat vorher 7 Kassetten aufgenommen, auf denen sie erklärt, warum sie sich umgebracht hat. Das ist der überaus spannend klingende Grundentwurf von Jay Ashers Erstling “Tote Mädchen lügen nicht” (orig.: Thirteen Reasons Why) erschienen 2009 bei cbt.

Clay Jensen findet nach der Schule ein Päckchen mit Kassetten vor seiner Haustür. Er hört sich diese Kassetten alle in einer Nacht an, das Buch “Tote Mädchen lügen nicht” spielt in eben dieser Nacht. Jede Kassettenseite ist einer Person gewidmet, die Hannahs Leben zerstört hat – und nur diejenigen, die Hannah für schuldig hält bekommen das Paket zugeschickt. So erfährt Clay eine Menge über seine Mitschüler, die er für friedlich und freundlich gehalten hat, doch Hannahs Elefantengedächtnis entkommt hier keiner: Jeder, wirklich jeder der ihr im Leben (eigentlich geht es nur um das letzte Jahr an der Highschool) weh getan hat, wird von ihr mit einer A- oder B-Seite bedacht.

Ist “Tote Mädchen lügen nicht” nun ein gutes Buch? Wenngleich man Inhalt und Form eigentlich kaum noch trennen kann und sollte, muss ich eben dies doch tun, um voran zu kommen. Die Geschichte ist äußerst spannend geschrieben, die Idee wirklich gut. Eine Tote zu hören und ihrem Rachefeldzug beizuwohnen: herrlich. Aber. Aber warum bitteschön arbeitet Jay Asher mit so derart überkommenen Moralvorstellungen? Eine Kassettenseite (und wo wir dabei sind: warum bitteschön Kassetten, das hätte man im 21. Jahrhundert pfiffiger lösen können) ist einer Situation gewidmet, bei der Hannah ihren Ruf an der Schule untergehen sieht, da sie von nun an als Schlampe gelten könnte: Sie küsst einen Mitschüler. Hallo? moralinsaurer kann man amerikanisches Werteverständnis wohl nicht in ein Jugendbuch schmuggeln.

Seis drum. “Tote Mädchen lügen nicht” bedient den kleinsten gemeinsamen Kriminenner von Jugendlichen und  Erwachsenen, bleibt dabei aber spannend und “liest sich so weg”. Besonders interessant wird es dann nochmal zum Schluss – hier bleibt nämlich unklar, wer Täter ist und wer Opfer, da die Rollen oszillieren. Ein Buch zum lesen, nachdenken und dann wieder weglegen.

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