Brian Selznick: “Die Entdeckung des Hugo Cabret”

cbj Verlag, 2008. 544 Seiten.

Achtung, dieses Buch hinterlässt bleibende Eindrücke, den was Selznick da geschaffen hat lässt einen (gut, zumindest mich) nicht mehr los. Selznick hat einen Roman gezeichnet, ein Bilderbuch getextet. Er hat etwas geschaffen, was mir so noch nicht bekannt war. Ich möchte es hier mal Korrespondenzroman nennen, um zumindest ansatzweise klar zu machen, um was es hier geht: Eine Geschichte, die in doppelseitigen Schwarzweißbildern und Text erzählt wird. Gleich mehr, erst die Geschichte:

Hugo Cabret ist Vollwaise. An seinen Vater hat Hugo nur wenig Erinnnerungen, nur, dass er Uhrenmacher und Tüftler war. Seit dem Tod seines Vaters lebt Hugo bei  seinem Onkel, der ein kleines Zimmer in einem Pariser Bahnhof hat und für die Uhren dort verantwortlich ist. Seit drei Monaten ist der Onkel aber verschwunden – wahrscheinlich ist er ertrunken (Hugo belauscht ein Gespräch zu Beginn des Buches im Bahnhof). Der Onkel war alkoholsüchtig und nicht besonders nett zu Hugo.  Hugo hat die Arbeit des Onkels klammheimlich übernommen: Er stellt die Uhren und zieht sie auf, er repariert sie ohne dafür Geld zu bekommen. Deshalb schleicht er regelmäßig durch den Bahnhof, um etwas zum essen zu stehlen. Dabei muss er sehr aufpassen, nicht dem Stationsvorsteher in die Finger zu geraten, denn der würde ihn direkt in ein Waisenhaus stecken.

Hugos kostbarster Besitz ist ein Notizbuch seines Vaters. Darin befinden sich viele Skizzen zu einem Automaten, den sein Vater einmal gebaut hat. Hugo hat die Reste dieses Automaten in einem Müllhaufen gefunden und in das Zimmer gebracht; dort versucht er nun, diesen zu reparieren. Die Ersatzteile dazu klaut er bei einem Spielwarenhändler im Bahnhof. Hugo wird dabei natürlich erwischt, das Buch wird ihm weggenommen aber zusammen mit Isabelle, der Tochter des Händlers schafft er es, den Automaten in Gang zu setzen. Es rattert und knattert und wir sehen die erste Entdeckung des Hugo Cabret.

Der zweite Teil der Geschichte handelt von einer weiteren Entdeckung Hugos, vielen alten Filmen und einer kleinen Familiengeschichte. Und es geht um George Méliès, doch mehr soll nicht verraten werden. Hier soll es eher nochmal um die Form gehen: Selznick hat es geschafft, weder einen Comic, ein Bilderbuch noch einen Roman zu schreiben sondern etwas Neues, dass mit eben diesen Formen korrespondiert. Die Bilder verdeutlichen weder den Text noch erklärt dieser, was die Bilder nicht zeigen können, denn Selznick verzichtet erfrischend auf gattungsübergreifende Redundanz. Man liest und sieht – nacheinander! Die Kohle- und Bleistiftzeichnungen Selznicks führen den Leser in die Zeit des Schwarzweißfilms. Das alles führt zu einer geheimnisvollen, dunklen ja sogar etwas schaurigen Stimmung die, angesiedelt irgendwann nach dem ersten Weltkrieg, diese Geschichte trägt. Genährt wird die Stimmung weiterhin durch den literarischen Kreuzverweis in die deutsche Romantik, wo das Automatenmotiv (u.a. ETA Hoffmann: Der Sandmann, Die Automate) häufig verwendet wurde.

Kurz und knapp also: Absolut undbedingt und ohne Abstriche selber lesen!!!

P.S. an alle, die sich bereits im Bann der Entdeckungen befinden: Natürlich will man am liebsten bei der Lektüre ein paar Filme von George Méliès sehen. Bei youtube findet man (Kurz)filme wie z.B.  “Die Reise zum Mond”, “Das tanzende Skelett” aber auch seine Magiestücke wie “Die verschwindende Jungfrau” oder “Un homme de Têtes”. Das sollte man sich unbedingt ansehen. Wer sich ein wenig mehr über den Automaten informieren möchte findet auf den Seiten des Franklin Institutes weitere Informationen und zwei Videos.

Martin Scorsese arbeitet zur Zeit an einer Verfilmung mit Ben Kingsley als George Méliès und Sascha Baron Cohen als Stationsvorsteher! Ein Filmstart ist noch nicht bekannt.

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